Hilfe, ich bekomme ein Geschwisterchen!

Portrait von einem Mann

 

 

Lars Adam, Psychotherapeut für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, hat eine eigene Praxis für Kinder in Köln. Er hat jahrelang Geburtsvorbereitungskursen für Väter geleitet und zwei zu Hause geborene Kinder. 

Somit viel Erfahrung mit allen Themen rund um die Vergrößerung einer Familie. Hier beantwortet er die wichtigsten Fragen, die ihm auch in seiner Praxis häufig begegnen.

● Das Kind sollte so früh wie möglich informiert werden, damit es die gespürten Änderungen richtig einordnen kann und sich nicht zurückgestellt fühlt

● Gerne auch mit altersgerechten Bildern und Erklärungen in einem feierlichen Rahmen

● Geben Sie dem Baby schon einen (Kose-)Namen, damit es für das Geschwisterkind nicht abstrakt bleibt

● Ordnen Sie den Geburtstermin der Jahreszeit zu, kleine Kinder haben noch kein Zeitgefühl wie Erwachsene

● Erklären Sie, welche Änderungen eine Schwangerschaft mit sich bringt; benutzen Sie dazu kind- und altersgerechtes Material, aber überfordern Sie es nicht mit medizinischem Wissen

Häufig stellen sich Eltern die Frage, wann der richtige Zeitpunkt dafür ist, ihrem Kind zu erzählen, dass es eine Schwester oder einen Bruder bekommen wird. Grundsätzlich spüren Kinder, dass eine Veränderung innerhalb der Familie ansteht, können dies jedoch oft nicht rational einordnen oder ihre Fragen und Eindrücke verbalisieren. Kinder verfügen über nahezu seismografische Fähigkeiten, mit denen sie die Stimmungslage ihrer Eltern erfassen und jegliche Veränderung erspüren können. Es gibt Kinder, deren Sensibilität so erhöht ist, dass sie sogar vor den eigenen Eltern die anstehende Veränderung erspüren.

Es ist in jedem Fall anzuraten, dass Eltern ihr Kind frühzeitig und kindgerecht über das Ereignis der Schwangerschaft informieren und es nicht in Gefühlen von Ungewissheit und Spekulation belassen. Denn Kinder entwickeln häufig ihre eigenen Hypothesen in Bezug auf die spürbaren Veränderungen, wenn sie nicht über deren Hintergrund informiert werden – und diese Vorstellungen gehen nicht selten in eine katastrophisierende Richtung.

Selbstverständlich sind die ersten drei Monate einer Schwangerschaft mit der Ungewissheit verbunden, ob sich der Embryo tatsächlich einnisten wird und ob das ältere Kind in dieses Wissen einbezogen werden sollte. Kinder haben (noch) einen natürlichen und ungezwungenen Umgang mit Themen wie Geburt und Sterben – wenn ihnen dies gelassen wird.

Die emotionale „Achterbahnfahrt“, die eine Schwangerschaft mit sich bringt – die Übelkeit, die Launenhaftigkeit oder die Stimmungswechsel, die zunehmende Anstrengung und nicht zuletzt die große Freude oder auch die tiefe Traurigkeit – spüren Kinder mit ihren eigenen Sinnen. Dabei hilft es ihnen den für sie unbekannten und nicht recht greifbaren Vorgang mit kindgerechten Bildern verständlich zu machen.

In jedem Fall sollte, gerade bei einem positiven Verlauf der Schwangerschaft, das Kind nicht als letztes von der Neuigkeit erfahren, da es sich sonst zurückgesetzt und nicht ernst genommen fühlen könnte. Ein Gefühl, dass sich erst Recht verstärkt, wenn Verwandte, Freunde oder Bekannte sich nach dem Verlauf der Schwangerschaft erkundigen und nicht wissen – oder berücksichtigen – dass das Kind von der Schwangerschaft der Mutter noch nichts weiß.

Für das Gespräch mit dem Kind sollte ein angemessener, durchaus feierlicher Rahmen geschaffen werden.

Es ist wichtig, dem neuen Familienmitglied einen Namen (wenn das Geschlecht bekannt ist) oder einen Kosenamen zu geben. Das Baby erhält so einen Status und eine Daseinsberechtigung und ist nicht länger das unbekannte Wesen, das in naher Zukunft aus dem Bauch der Mutter zur Welt kommen wird. Neun Monate Schwangerschaft stellen eine verhältnismäßig lange Zeit für das Verständnis kleiner Kinder dar, deren Zeitgefühl häufig noch nicht ausgeprägt ist. Dies entwickelt sich erst allmählich mit dem dritten Lebensjahr.

Eine altersgerechte Erklärung zum Zeitpunkt der Ankunft des Babys könnte zum Beispiel heißen: „Unser Baby wird geboren, wenn der Winter da ist. Vielleicht liegt dann Schnee. Jetzt hat gerade der Frühling begonnen und die Blumen blühen.“

Des Weiteren ist es wichtig dem Kind zu vermitteln, dass seine Mutter nicht krank ist, sondern dass die Bauch- und  Rückenschmerzen, die sie sie mitunter hat, sowie Übelkeit und Gereiztheit normale Begleiterscheinungen im Verlauf einer Schwangerschaft sind.

Das frühzeitige Versorgen des Kindes mit Informationen und das Ermuntern des Kindes nachzufragen, wenn es etwas nicht einordnen kann, tragen in der Regel dazu bei, dass es auftretende Situationen – wie Übelkeit und Erbrechen der Mutter – einordnen kann und nicht als pathologisch oder bedrohlich erlebt.

Gleichzeitig sollte bedacht werden, dass ein zu viel an Informationen verwirrend wirken kann. Wenn Kinder etwas nicht verstehen, fragen sie in der Regel nach und signalisieren durchaus auch, wenn sie sich von den Antworten überfordert fühlen.

Je kleiner das Kind, desto kürzer und knapper sollten die Informationen sein – gern mit Unterstützung kindgerechter Medien, ohne zu viele anatomische Prozesse und medizinische Details.

Beim Vorlesen ist zu empfehlen, ausschließlich auf die Nachfragen des Kindes einzugehen, und beschriebene Fakten und Vorgänge nicht von sich aus zusätzlich zu erläutern, wenn das Kind dazu keine Fragen stellt.

● Sprechen Sie mit dem Geschwisterkind über die Geburt und wo sie stattfinden wird

● Schauen Sie sich, wenn möglich, den Geburtsort an, um echte Bilder zu vermitteln

● Fragen des Kindes sollten angemessen beantwortet werden, auch der Ablauf der Geburt sollte betrachtet oder durchgespielt werden, denn die Geburt beginnt meist zu Hause

● Das Kind benötigt Gewissheit über seinen Aufenthaltsort während der Geburt und wer sich um es kümmern wird

Wie bereits erwähnt, sind Kinder oft wie Seismographen. Sie entwickeln ihre eigenen Vorstellungen und Fantasien darüber, wie eine Geburt im Krankenhaus ablaufen könnte. Erwachsene wissen häufig nicht, welche Vorstellungen und Assoziationen bei Kindern entstehen, wenn ihnen mitgeteilt wird, dass ein Baby im Krankenhaus zur Welt kommen wird. Eine gute Möglichkeit die Vorstellungswelt des Kindes mit der realen Situation abzugleichen, könnte in einer gemeinsamen Besichtigung der Klinik, in der die Mutter entbinden wird, liegen. Ein Besuch von Eltern und Kind im Krankenhaus vor der Geburt kann dazu beitragen, dem Kind mehr Sicherheit und Orientierung zu vermitteln. Inzwischen wird diese Möglichkeit von immer mehr Geburtsstationen eingeräumt – sollte die ausgewählte Klinik dies nicht anbieten, besteht die Alternative sich gemeinsam auf der Homepage ein Bild vom Kreißsaal und der Geburtsstation zu machen. Kinder nehmen dann rasch wahr, dass die Bilder, die sie sehen, wenig mit ihrer Vorstellung und/oder Erfahrung von Krankenhaus korrespondieren.

Häufig sind es auch die Hebammen, die bewusst das Gespräch mit dem jeweiligen Geschwisterkind suchen, und dessen Vorstellungen und Fantasien aufgreifen. Auch hier ist es empfehlenswert die Fragen des Kindes in den Mittelpunkt zu stellen und nicht so sehr die medizinischen Abläufe.

Leichte Wehen zu Geburtsbeginn können bereits zu Hause einsetzen und der Mutter Schmerzen verursachen, das ist ein natürlicher Bestandteil der Schwangerschaft, der Kindern nicht vorenthalten werden sollte. Hier könnte eine gute Vorbereitung darin bestehen, eine derartige Situation im Vorfeld, gemeinsam mit dem Kind durchzuspielen und die Wehen – verbunden mit dem Stöhnen – anzudeuten.

Eine wichtige Frage, die vor der Geburt zu klären ist, ist diejenige, bei wem sich das Kind während der Geburt seines Geschwisterchens aufhalten wird – sei es bei Freunden, Bekannten, den Großeltern oder anderen Familienmitgliedern oder ob eine oder mehrere vertraute Personen in die elterliche Wohnung oder das Haus zur Betreuung kommen.

Dieses Thema sollte unbedingt rechtzeitig und gemeinsam besprochen werden und auf Wünsche oder Ablehnung des Kindes weitestgehend eingegangen werden. Dazu gehört auch dem Kind zu erläutern, was passiert, wenn sein Geschwisterchen am Tag oder in der Nacht zur Welt kommen wird.

 

Unbedingt die Bedürfnisse aller Familienmitglieder bei der Vorbereitung auf die Hausgeburt prüfen:

● Ist es wirklich der Wunsch des Kindes bei der Geburt dabei zu sein?

● Ist es gut vorbereitet?

● Können sich beide Elternteile vorstellen, dass das Kind dabei ist?

● Kann sich die Mutter trotzdem in die Geburt fallen lassen?

● Sieht sich die Mutter in der Lage, die Verantwortung für das Geschwisterkind während der Geburt abgeben?

● Änderungen sollten jederzeit möglich sein (die Mutter möchte doch alleine sein, das Kind möchte doch lieber nicht im Geburtsraum sein etc.)

● Sowohl die Zurückweisung durch kompletten Ausschluss des Geburtsvorganges als auch die Überforderung durch fehlende Vorbereitung sollten vermieden werden

● Eine feste Betreuungsperson sollte zur Geburt anwesend sein

● Gleichen Sie die Bilder des Kindes mit der Realität ab; über Malen oder ein Rollenspiel können Sie die Vorstellung anpassen

Ein eindeutiges Für oder Wider bezüglich der Teilnahme des Geschwisterkindes an einer Hausgeburt gibt es nicht. Vielmehr sollten Antworten auf die Fragen nach den Wünschen der gebärenden Frau und des Elternpaares gefunden werden, wie auch eine Einschätzung, was dem Kind zumutbar erscheint und wie sicher sich Eltern mit ihrer Entscheidung fühlen. Nicht zuletzt spielen die Erfahrungen der ersten Geburt eine nicht unerhebliche Rolle, die sich unmittelbar auf diese Entscheidungen auswirken.

Da ich selbst zwei Hausgeburten erleben durfte, kann ich meine persönliche Sichtweise hier nicht zurücknehmen und bin überzeugt davon, dass eine Hausgeburt der werdenden Mutter die Möglichkeit bietet, ihr Kind in gewohnter Umgebung ungestört und in Ruhe zu gebären. Sie ist umgeben und begleitet von vertrauten Personen. Diese Ruhe überträgt sich auch auf das Geschwisterkind und stärkt somit dessen Vertrauen und Sicherheit.

In früheren Zeiten war es üblich im Kreise der Familie zu gebären und diesen natürlichen Ursprung des Lebens selbstverständlich zu integrieren und nicht auszulagern.

Eine wichtige Voraussetzung für eine Hausgeburt ist gewiss der Ausschluss aller Risikofaktoren, die eine besondere medizinische Betreuung von Mutter und/oder Neugeborenem notwendig machen. Es liegen keine Studien vor, die belegen würden, dass Hausgeburten im Vergleich zu einer Geburt im Krankenhaus ein erhöhtes Risiko darstellen. Seit Jahren hält sich der Anteil der außerklinischen Geburten in Deutschland konstant bei  2 - 3% aller Geburten. Statistische Auswertungen über mittlerweile mehr als zehn Jahre zeigen eine hohe Qualität und Sicherheit der außerklinischen Geburtshilfe.

Es existieren wiederum keine Studien, die sich intensiv mit dem Thema Hausgeburt und der Teilhabe der Geschwister und deren Empfindungen während und nach der Geburt beschäftigen. Somit kann ich mich diesem Thema nur aus meiner psychologischen Sichtweise und Praxis heraus und meinen persönlichen Erfahrungswerten annähern:

Es gibt auf der einen Seite Familien, die eine außerklinische Geburt planen und ein bis zwei Wochen vor Geburtstermin vorsorglich das Geschwisterkind bei den Großeltern oder Bekannten unterbringen, möglicherweise aus der Sorge heraus, dass ein plötzlicher Geburtsbeginn eine Überforderung für alle Beteiligten darstellen könnte.

Dies könnte dem Kind das Gefühl von Ausgrenzung und Zurücksetzung vermitteln, was in einer derart sensiblen Zeit des familiären Umbruchs für das Kind und die Bindung zwischen beiden Geschwistern nicht empfehlenswert ist.

Die bedingungslose Teilhabe am Geburtsprozess ohne Einschränkungen und Grenzen könnte jedoch sowohl Geschwisterkind als auch die Mutter selbst überfordern. Schließlich fühlen sich Mütter möglicherweise auch während der Geburt für das Geschwisterkind verantwortlich, sodass es eine zusätzliche Belastung darstellen könnte. So ist es durchaus vorstellbar, dass sich Mütter nicht so stark in den Wehenschmerz fallen lassen können, weil sie Rücksicht auf das anwesende Kind nehmen möchten.

Das Kind seinerseits könnte trotz guter und kindgerechter Vorbereitung auf die Geburt dennoch in seinem kindlichen Wesen durch den Geburtsverlauf verunsichert und emotional überfordert werden, was selbstverständlich von der Empfindlichkeit des Kindes und dessen Verarbeitungsstrategien abhängt. Schließlich erleben viele angehende Väter den Geburtsschmerz der Partnerin ebenfalls als besonders intensiv und fühlen sich in ihrer Rolle nicht selten hilflos. Die kindliche Wahrnehmung und Verarbeitung ist dabei noch einmal völlig anders gelagert. Wenn eine emotionale Bezugsperson wie die Mutter unter erheblichen Schmerzen während der Geburt leidet und diese auch zum Ausdruck bringt, könnte dies bei Kindern Verlustängste auslösen.

Falls das ältere Kind bei der Hausgeburt anwesend sein soll, sollte es eine Bezugsperson zur Unterstützung bekommen. Ebenfalls sollte vorab geklärt sein, wer sich um es kümmert, falls die Geburt doch in ein Krankenhaus verlegt werden muss. Häufig wird bei einer Hausgeburt eine zweite Hebamme zur Unterstützung hinzugezogen, die sich auch des Geschwisterkindes annimmt. Kleinere Aufgaben wie Wasser oder Handtücher holen stellen mit Sicherheit eine sinnvolle und nützliche Aufgabe für Kinder während der Geburt dar. Wichtig ist auch, das Kind bereits im Vorfeld zu informieren, welche Faktoren die Geburt beeinflussen können (Verlegung in die Klinik, da die Geburt länger dauert als erwartet, die eventuelle Einbeziehung eines Geburtspools etc.). Jedoch sollte auch ein Zuviel an Informationen – gerade in Bezug auf medizinische Details – vermieden werden.

Um die Vorstellungen des Kindes von Geburt zu erfahren und dann vielleicht der Wirklichkeit anzupassen, kann man zusammen ein Bild malen oder eine Geburt nachspielen; das kann den Eltern viel über die kindlichen Fantasien verraten.

Es ist wichtig, das Kind hierbei so wenig wie möglich zu beeinflussen. Dann kann man das Kind fragen, was es mit dem Bild oder im Spiel meint und aus der persönlichen Erfahrung heraus erklären, wie eine Geburt tatsächlich ablaufen kann – ohne jedoch zu viel zu erklären. Auch hier kann man die Erklärung durch kindgerechte Bücher oder andere Medien unterstützen. Ausdrücklich kann ich hier die Folge „Wir kriegen ein Baby“ von der Sendung mit dem Elefanten empfehlen, da sie die Geburt sehr kindgerecht und natürlich zeigt.

● Überfordern Sie das große Geschwisterkind nicht mit Erwartungen, sondern geben Sie den Geschwistern Zeit, sich in unterschiedlichen Situationen kennenzulernen

● Entspannen Sie die Situation, indem das Baby beim Kennenlernen nicht nah bei der Mutter ist

● Oft ist es auch hilfreich, wenn das Baby dem Geschwisterkind ein kleines Geschenk mitbringt

Mit Sicherheit ist es für alle Beteiligten ein magischer Moment, wenn die Geschwister sich zum ersten Mal begegnen. Dieser Moment sollte allerdings weder überpsychologisiert noch überfrachtet werden. Nicht selten tritt die Situation ein, dass Kinder ihr neugeborenes Geschwisterkind kaum beachten und von ganz anderen Dingen fasziniert sind. Darin kann auch eine Geste der Kompensation liegen, mit der ein Kind seine Unsicherheit und die auf es gerichtete Erwartungshaltung der Eltern überspielen will.

Es sollte nicht vergessen werden, dass sich das Kind gegebenenfalls in einer nicht vertrauten Umgebung (Krankenhaus oder Geburtshaus) befindet und auch ein verändertes Verhalten bei seinen Eltern wahrnimmt. Daher sollte ein Kind in dieser Situation nicht zu Handlungen gedrängt werden („Geh doch mal zu deinem Bruder!“ ,“ Begrüße sie doch mal“ oder „ Du bist doch jetzt die große Schwester“…), da dies kontraproduktiv wirken und eher zu Ablehnung führen kann.

Ein kleines Geschenk, welches das Neugeborene mitbringt, kann dazu beitragen das Kennenlernen zu vereinfachen und zu entkrampfen. Zudem wird es noch weitere Gelegenheiten geben, bei denen sich die Geschwister kennenlernen können.

Eine Vereinfachung der Rahmenbedingungen für das erste Kennenlernen kann darin bestehen, dass die Mutter bei der ersten Begegnung das Neugeborene nicht an der Brust oder im Arm hält. Kinder können sonst schnell das Gefühl entwickeln ersetzt und ausgetauscht zu werden, was Gefühle von Eifersucht oder Verlustängste bestärken kann. Je entspannter und offener das erste Kennenlernen gestaltet wird, desto entspannter und offener reagieren Kinder in der Regel auf ihr neues Geschwisterchen.

● Versuchen Sie die Gefühle des Geschwisterkindes zu erkennen und helfen Sie ihm, sie auszusprechen

● Suchen Sie nach Lösungen/Möglichkeiten, zum Beispiel: „Du bist sauer, weil du mit mir spielen wolltest und nun muss ich das Baby stillen.“, dann: „Wie wäre es, wenn wir beim Stillen zusammen ein Buch lesen und wenn das Baby satt ist, können wir spielen?“

● Negative Gefühle kleinzureden oder gar zu bestrafen kann weitgreifende Folgen in der Psyche des Kindes haben

● Überfordern Sie auch hier nicht das Geschwisterkind, indem es nun plötzlich groß sein muss – wenn es im Gegenteil wieder klein sein will, geben Sie ihm nach Möglichkeit die Nähe, die es braucht und zeigen Vorteile des „Großseins“

Mit der Geburt eines zweiten oder eines weiteren Kindes verändert sich das Familiengefüge. Ältere Geschwister reagieren auf die neue Situation sehr unterschiedlich – nicht selten erleben sie sie als irritierend und sogar beunruhigend und suchen nach Sicherheit und Orientierung. Sie wünschen sich, dass ihr ungutes Gefühl verschwinden und die altvertraute Geborgenheit wieder kommen möge. Verhaltensweisen wie Eifersucht und ein Bedürfnis nach erhöhter Aufmerksamkeit von Seiten des älteren Geschwisters sind dabei durchaus häufig zu beobachten.

Das ältere Kind erlebt den neuen Alltag größtenteils so, dass die Mutter mit dem Neugeborenen beschäftigt ist, der Vater arbeiten geht und Verwandte, Freunde und Nachbarn neugierig in den Kinderwagen blicken und nur noch Augen für das Neugeborene haben. Das Ergebnis ist, dass das Geschwister das Baby am liebsten mit der Post zurückschicken oder im Krankenhaus wieder abgeben möchte. Aus Sicht des Kindes ist dies durchaus verständlich, war es doch bisher allein mit seinen Eltern und stand mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit.

Die Wut und Feindseligkeit von Kindern richtet sich selten direkt auf das Neugeborene, sondern vielmehr auf die neue Situation, die mit ihm verbunden ist. Eltern haben allerdings einen erheblichen Einfluss darauf, das Gefühl der „Entmachtung“ bei ihrem älteren Kind zu neutralisieren: Sie können mit dem richtigen Maß an Mitgefühl die Enttäuschung oder Wut des älteren Kindes aufgreifen, sich an seine Seite stellen und eventuell gemeinsam auf die Situation – nicht auf das Neugeborene – „schimpfen“. So können Widerstände auf Seiten des Kindes gelöst und Emotionen ausgedrückt werden, etwa durch Sätze wie „Es ist anstrengend, wenn das Baby die ganze Zeit weint, nicht?“ oder „Schade, dass das Baby noch nicht laufen kann und ihr gemeinsam Fußball oder Verstecken spielen könnt!“. Als Eltern ist es wichtig, die Nöte des Kindes zu verstehen und anzuerkennen. Sie vermitteln ihm, dass seine Gefühle angemessen sind und es ein Recht auf seine Empfindungen hat.

Der renomierte dänische Familientherapeut Jesper Juul rät Eltern dem Kind zu zeigen, dass seine Sicht nachvollzogen werden kann. Diesbezügliche Studienergebnisse besagen, dass es zu psychischen Problemen im späteren Leben führen kann, wenn die Gefühle des Kindes kleingeredet, unterdrückt oder sogar bestraft werden. Eltern können ihrem Kind in bestimmten Situationen helfen, seine eigenen Gefühle in Worte zu fassen, etwa: „Du ärgerst dich gerade, weil ich deine Schwester füttere und du mit mir spielen wolltest.“. Dies signalisiert Einfühlungsvermögen und Verständnis.

In der psychotherapeutischen Arbeit mit Kindern wird diese Empathie als „Erstversorgung oder Fürsorge des verletzbaren Kindes“ beschrieben, welches zunächst die Bedürfnisse, also das Innenleben des Kindes berücksichtigt, um dann im weiteren Schritt nach Lösungen und Möglichkeiten zu suchen. Der zweite Schritt (Lösung) kann jedoch nur dann erfolgreich sein, wenn für Schritt eins (Innenleben) genügend Zeit und Raum vorhanden ist. Es gibt verschiedene Möglichkeiten die Rolle, die Sicherheit und das Vertrauen in dem älteren Geschwister zu stärken. Eltern könnten zum Beispiel betonen: „Du bist und bleibst meine älteste Tochter, daran wird sich nichts ändern“. Dieser Satz unterstreicht, dass jedes  Familienmitglied seine bestimmte Position hat und behält.

Wesentlich ist es, dem älteren Kind nicht mehr Verantwortung zu übertragen, als es wahrnehmen möchte, Sätze wie: „Das musst du doch verstehen, du bist doch schon groß“ sollten tunlichst vermieden werden. Kinder reagieren nicht selten mit Rückschritten auf die Erwartungshaltung und den Druck der Eltern – so verhalten sich Kinder dann mitunter wie ein „Baby“ und fordern den Schnuller oder die Windel wieder ein.

Bei diesem Verhalten besteht im Übrigen kein Grund zur Sorge. Es sollte von den Eltern auch nicht unterbunden werden – im Gegenteil. Eltern sollten ihrem Kind diese Regression gestatten, wie auch das Bedürfnis wieder klein sein zu wollen. Wenn das Kind besonders klammert, sollte ihm die benötigte Nähe gegeben werden.

Einige Kinder reagieren stark trennungsängstlich und möchten plötzlich nicht mehr in den Kindergarten gehen – auch hierbei handelt es sich um normale regressive Prozesse im Rahmen eines natürlichen Ereignisses.

Hilfreich und unterstützend kann es auch sein, gemeinsam mit dem älteren Kind das jüngere zu umsorgen. Dadurch entsteht das Gefühl gebraucht zu werden, zumal wenn es durch die Verdeutlichung der Vorteile des „Großseins“ flankiert wird. Dazu gehören altersentsprechende Unternehmungen mit einem Elternteil wie Eis essen gehen oder bestimmte Sendungen im Fernsehen anschauen – Dinge, zu denen das Neugeborene naturgemäß noch nicht in der Lage ist.

 

● Erste Ansprechpartner:innen zur Kontaktvermittlung können Kinderärzt:innen oder Hebammen sein

● Schuldzuweisungen bei den Eltern (eigene oder gegenseitige) sind verständlich, helfen aber nicht weiter, sondern verlagern und verlängern oft die Problematik

● Mit professionellem Rat, Mitgefühl für sich selbst und die Kinder lassen sich diese Schwierigkeiten meist gut lösen

Eifersucht und Rivalitäten sind im Rahmen der kindlichen Entwicklung ein normales und gesundes Phänomen, was selten professioneller Unterstützung bedarf. Die Mehrzahl junger Kinder zeigt gewöhnlich ein gewisses Ausmaß emotionaler Störung nach der Geburt eines unmittelbar nachfolgenden jüngeren Geschwisters, die sich dann wieder reguliert.

Natürlich gibt es auch ausgeprägte Verhaltensweisen in Form von Aggressionen gegen das Geschwisterchen, die über ein normales Maß und eine vertretbare Dauer hinausgehen und mit sozialer Beeinträchtigung verbunden sind. Nach der Internationalen Klassifikation von Krankheiten dem ICD 10 liegt eine emotionale Störung mit Geschwisterrivalität vor, wenn folgende Kriterien erfüllt sind:

● Auffällige, intensive negative Gefühle gegenüber einem unmittelbar jüngeren Geschwister

● Emotionale Störung mit Regression, Wutausbrüchen, Verstimmung, Schlafstörungen, oppositionellem oder Aufmerksamkeit suchenden Verhalten gegenüber einem oder beiden Elternteilen (zwei oder mehr dieser Merkmale müssen vorliegen)

● Beginn innerhalb von sechs Monaten nach der Geburt eines unmittelbar jüngeren Geschwisters

● Dauer von mindestens vier Wochen

Wenn der Leidensdruck innerhalb der Familie unter den anhaltenden Konflikten nicht abnimmt und sich eine zunehmende Überforderung auf Elternebene einstellt, dann kann professionelle Hilfe nützlich sein. Eine erste Anlaufstelle können Kinderärzte und  Hebammen sein, die wiederum auf pädagogische oder psychologische Fachkräfte verweisen. Die meisten Eltern fürchten jedoch den Weg zum Psychotherapeuten oder zu pädagogischen Beratungsstellen, da sie das Gefühl haben, etwas falsch zu machen oder ihre Elternrolle nicht ausreichend zu erfüllen.

Einige Eltern sind in ihrem Selbstwert getroffen und entwickeln selbstabwertende Gedanken wie „Es liegt mit Sicherheit an uns.“, “Wir machen etwas falsch“. Größtenteils ist diese Schuldzuweisung einseitig und übertrieben und erfasst die Komplexität des Problems innerhalb der Familie nicht. Zudem führt jegliche Form der Schuldzuweisung nicht weiter.

Bei anhaltenden Konflikten zwischen den beiden Geschwistern entsteht im Laufe der Zeit eine dysfunktionale Interaktion zwischen Eltern oder einem Elternteil und dem älteren Geschwister. Dieses Verhalten führt wiederum häufig zur Aufrechterhaltung der Problematik, da auf beiden Seiten immer wieder die gleichen Interaktionsmuster (die zudem von der eigenen Biografie des jeweiligen Elternteils abhängig sind) oder Schemata ablaufen.

Ein Beispiel: Wenn der fünfjährige Tim immer wieder seinen fünfzehn Monate alten Bruder beim Vorbeigehen tritt, dann braucht das Kind auf der einen Seite eine klare und sehr deutliche Begrenzung, auf der anderen Seite können sich Eltern die Frage stellen: Warum tut mein Kind das? Was bekommt er oder sie durch dieses Verhalten? Eltern können sich selbst fragen, wie sie möglicherweise durch ihren Erziehungsstil dieses Verhalten bestärken.

Hinter diesem aggressiven Verhalten steht häufig ein ganz anderes Bedürfnis, zum Beispiel nach Nähe und Akzeptanz.

Und im Zweifelsfall hilft es immer, wenn die großen Geschwister ihren Bindungshormon-Tank mit Oxytocin wieder auffüllen können: Mit Zuwendung in Form von Gesehen-Werden, Kuscheln und Zeit mit den Eltern.

● Eifersucht ist normal, erst wenn das Kind sehr stark eifersüchtig ist, sich sein Verhalten lange nach der Geburt nicht ändert und die ganze Familie darunter leidet, sollten Sie sich professionelle Unterstützung holen

● Erste Ansprechpartner zur Kontaktvermittlung können Kinderärzte oder Hebammen sein

● Schuldzuweisungen bei den Eltern (eigene oder gegenseitige) sind verständlich, helfen aber nicht weiter, sondern verlagern und verlängern oft die Problematik

● Mit professionellem Rat, Mitgefühl für sich selbst und die Kinder lassen sich diese Schwierigkeiten meist gut lösen

Nach all diesen Vorbereitungen, Überlegungen und Entscheidungen nehmen Sie sich auch unbedingt die Zeit, die besondere Änderung in der Familie anzuschauen und zu genießen. Innehalten, auch gemeinsam mit den Kindern, und anzuerkennen, welch besondere Zeit gerade stattfindet, lässt ein stärkendes Gemeinschaftsgefühl entstehen.