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Elefant

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Elefant und Hase

"Was der Verstorbene in uns geweckt hat, bleibt uns als Geschenk erhalten."

Psychologin und Buchautorin Gertraud Finger; Rechte: Jörg Finger

Frau Finger, Eltern und Erzieherinnen berichten, dass von allen Fragen, die Kinder stellen, diejenigen über den Tod am schwersten zu beantworten sind. Warum ist das so?
Ein Gespräch über den Tod ist so schwierig, weil Erwachsene oft selbst nicht alles verstehen. Sie fragen sich: „Wie soll ich das, was mich selbst ratlos macht, kleinen Kindern erklären?“ Oder: „Wie soll ich Fragen beantworten, die ich mir insgeheim selbst stelle?“
Kindliche Reaktionen auf den Tod eines geliebten Menschen sind für uns oft schwer auszuhalten. Es gibt so viele unterschiedliche Verhaltensweisen. Ist es in Ordnung, wenn ein Kind nicht aufhört zu weinen, wenn es im Umgang schwierig wird, wenn es wieder ins Bett macht? Ist es in Ordnung, wenn Kinder zwischendurch wieder Quatsch machen?

Haben nicht alle kindlichen Reaktionen ihre Berechtigung?
Ja, denn in dieser Ausnahmesituation gibt es kein richtiges und kein falsches Verhalten. Wie ein Kind sich auch verhält, es ist seine ganz persönliche Antwort auf einen schweren Verlust.  Keinesfalls sollte man darin eine „Verhaltensstörung“ sehen. Das möchte ich Ihnen an drei Beispielen aus meiner Praxis zeigen:

Trauerabwehr als Selbstschutz:
Die neunjährige Laura ruft ihre Lehrerin zu Hause an, lacht und kichert ins Telefon und sagt dann: „Rate mal, was bei uns zu Hause Tolles passiert ist.“ Und als die Lehrerin es nicht raten kann, sagt Laura: „Die Mama ist heute nacht gestorben.“ Lauras Verhalten irritiert uns Erwachsene. Wir fragen uns: „Hat das Kind denn gar keine Gefühle?“ Laura hat sehr wohl Gefühle, doch was sie erlebt hat, ist für sie so schlimm, dass sie es zunächst einmal wegschieben muss. Solange sie lacht, braucht sie das Erschrecken und die Traurigkeit nicht zu spüren. Was hier als seltsames, vielleicht sogar falsches Verhalten erscheint, ist für Laura richtig und vielleicht auch notwendig, denn es dient dem Selbstschutz. Laura hat noch nicht die Kraft, sich mit der Tatsache des Todes auseinander zu setzen. Ihr Verhalten können wir als „Notbremse“ bezeichnen, mit der sie ihre Not mildert, um nicht davon überrollt zu werden. Wir Erwachsenen sollten die Trauerverweigerung des Kindes hinnehmen, aber gleichzeitig die Tür öffnen für Schritte aus der Abwehr hinaus. Wenn wir Gelegenheiten zur Erinnerung an die Verstorbene nutzen, vielleicht auch selbst das Gespräch über sie beginnen, kann auch das Kind seinen Kummer zulassen und ihm Ausdruck verleihen.

Verhaltensänderungen:
Nach dem Tod eines geliebten Menschen  werden Kinder oft schwierig. Sie können nicht begreifen, was passiert ist und können das, was sie belastet, nicht in Worte fassen. Ihren seelischen Kummer drücken sie dann in auffälligem Verhalten aus. Dabei bewegen sie sich in zwei entgegengesetzte Richtungen. Entweder werden sie aggressiv. Sie gehorchen nicht mehr, zerbrechen ihre Spielsachen oder zanken mit anderen Kindern. Oder sie werden kleinkindhaft, empfindlich und weinerlich, ja machen sogar wieder ins Bett. Fachleute sehen darin eine „Regression“, einen Rückschritt in früheres Verhalten.

Magische Vorstellungen und Schuldgefühle:
Manchmal glauben Kinder, dass sie selbst den Tod eines geliebten Menschen verursacht haben, weil sie böse waren, weil sie mit ihm gezankt haben oder ihn weggewünscht haben. Oft leiden sie unter Schuldgefühlen, sprechen aber mit niemandem darüber, weil sie sich schämen. Vorschulkinder sehen die Welt aus ihrer Perspektive. Sie meinen, alles was geschieht, habe mit ihnen zu tun und könne von ihnen beeinflusst werden. So kann ein Kind sagen: "Der Himmel ist so blau, weil ich eine blaue Strickjacke habe." Solch „magisches Denken“ hilft ihnen, Ordnung in die Welt zu bringen und sich stark zu fühlen. Andererseits: Tritt etwas Schlimmes ein, versucht das Kind, das Erlebte in sein Weltbild einzuordnen und erinnert sich an seine „schlimmen“ Taten. Wir Erwachsenen können nicht voraussehen, welche Erklärungen ein Kind für einen Tod findet. Wir wissen auch nicht, welches Kind sich mit Schuldgefühlen plagt. Deshalb brauchen alle Vorschulkinder die ausdrückliche Versicherung, dass weder ihre Handlungen, noch ihre Gedanken den Tod verursacht haben. Auch nach der Trennung oder Scheidung der Eltern sollte den Kindern versichert werden, dass sie nicht schuld sind.

Wir zeigen bei diesem Themenschwerpunkt auch zwei  Filme. Meinen Sie, dass diese den Kindern helfen?
Ich meine Ja. Die beiden Film helfen Kindern auf verschiedene Weise. In dem Film „Leb’ wohl, lieber Dachs!“ sind Tiere die handelnden Personen. Tiere bieten dem Kind die Möglichkeit, das Gesehene nicht zu sehr an sich herankommen zu lassen. Es kann in den handelnden Figuren nur trauernde Tiere sehen, aber vielleicht auch seine eigenen Gefühle erkennen. Es kann selbst bestimmen, wie weit es sich schützen muss. Die Geschichte hat zwei Botschaften: Der Tod gehört zum Leben. Er muss nicht immer erschreckend oder angsterregend sein. Und: Was der Verstorbene in uns geweckt hat, bleibt uns als Geschenk erhalten.
Der Film zeigt, wie heilsam Erinnerungen sind. Solange wir an den Verstorbenen denken, können wir ihn nicht verlieren. Er gehört zu uns. Kleine Kinder brauchen zur Erinnerung nicht so viele Worte, sondern Gegenstände, die dem Verstorbenen gehörten. Diese werden zu einem „Verbindungsstück“, mit dem das Kind sich dem Verstorbenen nahe fühlt. In dem Film erinnern sich die Tiere an alles, was der Dachs ihnen beigebracht hat und was sie ohne ihn vielleicht nie gelernt hätten. Das macht sie stolz und hilft ihnen, wieder fröhlich zu werden. So verwandelt sich Trauer in Dankbarkeit über das, was jeder für sich gewonnen hat. Der Film endet mit dem Ausspruch des Maulwurfs: „Danke, Dachs.“

In dem Film über die Beerdigung der Maus Pieps sind die handelnden Personen zwei Grundschüler. Ihre kleine Maus ist gestorben. Sie sind traurig und beerdigen sie. In dieser Alterstufe haben Kinder ein vorwiegend sachliches Interesse am Tod. Ihr Wissensdrang bezieht sich auf Äußerlichkeiten. Sie möchten wissen, wie Tote aussehen, wie sie beerdigt werden, sie lesen Inschriften auf Grabsteinen und rechnen aus, wie alt Menschen geworden sind. In dem Film beerdigen sie ihre kleine Maus und achten darauf, dass alles korrekt ausgeführt wird. Sie sorgen dafür, dass der Sarg sich nicht von allein öffnet, dass er schön aussieht und dass sie das Grab später wiederfinden. Bei jedem Handlungsschritt erklären sie, warum sie sich so verhalten.
Hier machen Kinder der Maus ein Abschiedsgeschenk und tun dabei, ohne es zu merken, auch etwas für sich selbst. Im Spiel inszenieren sie eine Beerdigung. Das kann ihnen helfen, sich bei der Beerdigung eines Menschen nicht mehr so verloren und überwältigt zu fühlen. Wir sollten Gelegenheiten zur „kleinen Trauer“ nicht verstreichen lassen und ein verstorbenes Tier nicht verstecken und es auch nicht eilig durch ein neues ersetzen.

Finden Sie, dass ein Kind an einer Beerdigung teilnehmen sollte?
Es ist für Trauernde tröstlich,  wenn sie ihre Trauer mit anderen Menschen teilen. Auch Kindern kann die Beerdigung helfen, die Tatsache des Todes zu verstehen und ihre eigenen Gefühle zu ordnen. Sie sollten aber nur teilnehmen, wenn sie es selbst wünschen, wenn sie darauf vorbereitet werden und wenn sie während der Trauerfeier begleitet werden. Eine gute Vorbereitung ist der Film über die Beerdigung der kleinen Maus. Er zeigt den Ablauf einer Beerdigung und lädt zu einem Gespräch darüber ein. Auch über mögliche Gefühle der Kinder sollte gesprochen werden. Man sollte ihnen versichern, dass solche Gefühle „richtig“ sind und dass sie sich nicht zu schämen brauchen.

Oft können trauernde Eltern ihrem Kind nicht die Zuwendung und Aufmerksamkeit geben, die es braucht. Es ist aber notwendig, dass jedes Kind während der Trauerfeier einen nahen Erwachsenen zur Seite hat, der Fragen beantworten und sich um es kümmern kann. Es darf sich nicht alleingelassen fühlen. Der Erwachsene kann auch mit dem Kind die Trauerfeier verlassen, wenn es dem Kind zu viel wird. Dem Kind darf nicht abverlangt werden, was es nicht tun möchte, zum Beispiel den Toten zu berühren oder an das offene Grab zu treten.

Wie sollten wir nicht mit Kindern über den Tod sprechen?
Wir Erwachsenen umschreiben die Tatsache des Todes gern mit anderen Wörtern. Wir möchten, dass das Schreckliche harmloser klingt. Doch Kinder, vor allem Vorschulkinder, nehmen oft wörtlich, was sie hören:

„Großvater ist eingeschlafen...“ Es kann das Kind erschrecken, dass der schlafende Großvater in einen Sarg eingesperrt und in die Erde versenkt wird. Was passiert, wenn er wieder aufwacht und merkt, dass er ganz alleine unter der Erde ist? Es können auch Ängste vor dem eigenen Einschlafen entstehen. Dann fragt sich das Kind: „Werde ich auch begraben, wenn ich schlafe?“

„Großmutter ist auf eine lange Reise gegangen“ Dann fragt das Kind sich, warum sie sich nicht verabschiedet hat und warum sie nicht zurückkommt. Das Kind glaubt vielleicht, dass die Verstorbene es nicht mehr mag, weil sie sogar seinen Geburtstag vergessen hat.

„Onkel Leo war krank...“ Hier müssen Erklärungen über schwere und leichte Erkrankungen folgen, damit das Kind nicht glaubt, bei jeder Erkältung sterben zu müssen.

„Familie Meier hat ihre Monika verloren.“ Was man verloren hat, kann man wiederfinden. Warum suchen die Eltern ihre Monika nicht?

„Opa wohnt jetzt im Himmel.“  Aber das Kind hat doch gesehen, dass der Opa beerdigt wurde. Ein Toter kann nicht gleichzeitig im Himmel und unter der Erde sein. Wo ist er wirklich?

„Gott nahm ihn zu sich, weil er so gut war." Dann will das Kind nicht mehr gut sein, damit Gott es nicht zu sich holt. Oder das Kind kann Gott als Feind erleben, der ihm den geliebten Menschen weggenommen hat.

Soll man einem Kind sagen, dass sein Opa im Sterben liegt oder soll man damit warten, bis er gestorben ist?
Wenn der Opa im Sterben liegt, verändert sich die Stimmung zu Hause. Das merkt jedes Kind, denn es gibt eine Gefühlsansteckbarkeit zwischen Eltern und Kindern. Wird dem Kind der Grund für die gedrückte Stimmung verheimlicht, sucht es nach eigenen Erklärungen. Diese können manchmal schlimmer sein als die Wirklichkeit. Durch sein magisches Denken meint das Kind vielleicht, es selbst habe etwas falsch gemacht oder es glaubt, dass die Eltern es nicht mehr mögen, wenn sie plötzlich keine Zeit und keine Geduld mehr für es haben. Wird  dem Kind die Wahrheit gesagt, fühlt es sich nicht mehr so allein. Es kann sich auf Opas Tod vorbereiten und sogar noch etwas für ihn tun. Das Kind kann dem Opa ein Lied singen oder ein Bild malen. Das macht seine Trauer nach dem Tod des Opas erträglicher, weil es weiß, dass der Opa sich über das Lied oder sein Bild gefreut hat.

Frau Finger, Sie haben das Buch „Wie Kinder trauern“ geschrieben. Welche Reaktionen erhalten Sie von Ihren Lesern?
Eltern fühlen sich erleichtert, wenn sie erfahren, dass viele kindliche Verhaltensweisen, die ihnen unverständlich sind oder sie sogar erschrecken, für ihre Kinder sinnvoll und notwendig sind. Dann sagen sie: „So habe ich das noch nie gesehen.“ Dieser andere Blick verändert auch die Haltung der Eltern. Sie können dann ihre eigene Trauer zuzulassen und die Trauer ihrer Kinder aushalten. Es hilft Kindern sehr, wenn ihre Gefühle nicht einfach übersehen oder weggewischt werden.

Gertraud Finger ist Lehrerin und Diplom-Psychologin. Sie hat  in der Erziehungs- und Schulberatung gearbeitet, leitete die Frühförderung des Caritas-Verbandes Freiburg-Stadt und war Lehrbeauftragte an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg. Sie hat mehrere Bücher über ihre Arbeit mit Kindern und Familien geschrieben und bietet Fortbildungen an.

Foto: Jörg Finger

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